Spielfreude und Spannung trotz Handicaps

Mit über 50 Prozent mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmern als beim Debüt im vergangenen Jahr hat sich das Jugendcamp 2016 des Bundesverbands für Menschen mit Arm- oder Beinamputation (BMAB) in der niedersächsischen Gemeinde Wedemark erneut als voller Erfolg erwiesen. Trotz vieler weiterer Mitarbeiter und einem größeren Gelände als im Vorjahr gelang das Jugendcamp zur Zufriedenheit aller und war komplett ausgebucht.

Eine Woche lang bis zum 2. August bewiesen die 42 Kinder und Jugendlichen von 9 bis 17 Jahren mit Amputation oder Fehlbildung ihrer Gliedmaßen, dass sie ihre Behinderung vergessen, wenn man sie nur lässt. So forderte das ehrenamtliche Betreuerteam die Kinder mit Programmpunkten wie dem Besuch eines Hochseilgartens oder dem aufregenden Spiel „Bubble-Soccer“: Beide Aktionen erwiesen sich selbst für die Betreuer ohne Behinderung als echte Herausforderungen.

Für viele der Kinder bietet das Camp aber auch den ersten Kontakt überhaupt zu Altersgenossen mit ähnlichem Krankheitsbild. So wurde von den Kindern vor allem der Abend intensiv zum Gedankenaustausch genutzt. Dabei verblüfften sie immer wieder mit ihrer Reife und Offenheit im Umgang mit ihrer Behinderung. Dank Fördermitteln, Sponsoren und Spenden sowie zahlreicher ehrenamtlicher Helfer konnte das Camp wieder komplett fremdfinanziert werden und somit kostenfrei für die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer starten.

Im Herzen der niedersächsischen Wedemark, nicht weit von Hannover, liegt das CVJM-Begegnungszentrum Abbensen. Auf einer großzügigen Freifläche mitten in einem Kiefernwald verteilen sich mehrere Holzhütten, Gemeinschaftsräume und ein Swimmingpool umgeben von purer Natur. Hier fand sich tatsächlich ein idealer Ort für das Feriencamp, wie auch die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer meinten. Daher sind sich die Organisatoren einig, dass dieses CVJM-Begegnungszentrum auch im nächsten Jahr Schauplatz des Jugendcamps sein wird.

Herausforderungen für die Organisatoren

Für die Organisatoren bedeuteten diese örtlichen Gegebenheiten eine Herausforderung bei der Planung des Feriencamps mit körperlich benachteiligten Kindern: Die Etagenbetten der Hütten verteilten sich auf drei Ebenen. Dies galt es zu berücksichtigen, wenn man Kinder ohne Beine oder Arme gemeinsam unterbringen möchte. Statt geteerter Wege und Rollstuhlrampen war man umgeben von Waldboden und Trampelpfaden. In den Hütten gab es auch noch Stufen. Doch was im Vorfeld noch problematisch ausgesehen hatte, war für keines der Kinder dank ihres Ideenreichtums eine echte Hürde. Kamen Rollstuhlfahrer doch einmal unerwartet ins Wanken, halfen sich die Kinder und Heranwachsenden gegenseitig. Sie bewiesen Erstaunliches: Man kann anderen auch zur Hand gehen, wenn man gar keine eigene Hand hat.

„Die eine Woche Sommerlager ist richtig vollgepackt mit Programmpunkten“, blickt Detlef Sonnenberg, Vize-Präsident des Bundesverbands, zurück. Gemeinsam mit seiner Frau Kerstin und den beiden Söhnen Christian und Steffen hatte er das Camp maßgeblich geplant und organisiert. „Länger würden es die Betreuer aber körperlich auch nicht aushalten“, scherzt der engagierte Familienvater. Das Hauptproblem bei der Organisation des Sommercamps sei es aber gewesen, überhaupt einen Termin für eine gemeinsame Ferienwoche für schulpflichtige Kinder und Jugendliche aus dem gesamten Bundesgebiet zu finden. Sehr wohl wirkten die 20 Betreuerinnen und Betreuern mit und ohne Behinderung nach dem Camp sichtlich erschöpft, während die jungen Camper ganz entspannt  wirkten.

Wie die Kinder und Jugendlichen war auch das Betreuerteam aus dem gesamten Bundesgebiet angereist. Darunter befanden sich auch 2016 wieder engagierte Pädagogen, Physiotherapeuten und Techniker. Dazu gehörte zum Beispiel der renommierten Orthopädie-Techniker Andreas Rulitschka, der das Sommercamp dankenswerterweise auch mit Material und eigenen Hilfskräften versorgte. Dieses Engagement war auch bitter nötig, denn beinahe täglich bewiesen die Kinder und Jugendliche, dass ihr Wille stärker als so manches Prothesen-Material war. Dies mag aber auch am actiongeladenen Programm gelegen haben, welches für die Kinder vorbereitet worden war.

Kanufahren als lehrreicher Auftakt

Bereits am ersten Tag erwartete die gehandicapten Kinder und Jugendlichen eine Kanufahrt auf der nahen Aller. Auch hier waren die Planer gefordert, die Boote entsprechend der jeweiligen Behinderung ihrer Schützlinge zu besetzen. Denn gesteuert von drei rechtsseitig Armamputierten dreht sich so ein Paddelboot allzu leicht im Kreis. Mehr als in ihrem Alltag bemerkten die Kinder aber recht bald, wie sehr sie sich gegenseitig in ihren Fähigkeiten ergänzen und zu ungeahnten Leistungen anspornen können.

Herausforderung Hochseilgarten

Nützlich war die gegenseitige Unterstützung dann auch beim Besuch eines Hochseilgartens, den etliche Kinder nach erfolgreichem Abschluss gleich nochmal ohne ihre Prothesen durchquerten. Das erstaunte die Guides ebenso wie andere Besucher. „Ich bin einfach nur sprachlos! Mein Mann ist topfit und kämpft da oben. Aber Ihre Kinder rennen da einfach so durch. Ich weiß gar nicht, wie die das machen“, fasst eine Frau das in Worte, was vielen beim Anblick der gehandicapten Kinder und Jugendlichen im Hochseilgarten durch den Kopf ging. Egal wo die jungen Campteilnehmer auftauchten, sie hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Ein Tag im Spaßbad

Das änderte sich auch beim nächsten Ausflug der großen Gruppe nicht, der ins Hallenfreibad Godshorn bei Langenhagen führte. Schließlich sehen körperlich unversehrte Menschen nicht täglich Kinder ohne Beinprothese nacheinander auf einen Drei-Meter-Turm hinaufhumpeln. Angesichts der Aufmerksamkeit, die sie genossen, konnte sich manch Teilnehmer ein breites Grinsen nicht verkneifen. Doch der Freibadbesuch hatte noch mehr zu bieten: Fünf Taucher vom Verband Deutscher Sporttaucher waren mit ihren Ausrüstungen eigens angereist, um mit den Kindern und Jugendlichen einen Schnupper-Tauchkurs zu absolvieren.

Unerwartete Action beim „Blubble-Soccer”

Auf der Suche nach dem absoluten Highlight für die Kinder schlugen Detlef Sonnenbergs Söhne „Bubble-Soccer“ vor. Bei diesem munteren Spiel werden metergroße Bälle mit Luft aufgepumpt und über den Körper gestülpt. Mit dieser Knautschzone rennen die Starter dann einem Fußball hinterher, stoßen dabei alles um, was ihnen in die Quere kommt oder werden selbst umgestoßen. Gewiss ist “Bubble-Sooccer” streng genommen alles andere als ein behindertengerechtes Freizeitspiel. Doch alle Jugendcamper haben das sehr lebendige Treiben auch dank ihrer Helfer problem- und gefahrlos bewältigen können: Wessen Beine  ohne Prothesen nicht ausreichend lang waren, wurde kurzerhand festgeschnallt und von den Kindern und Jugendlichen über die Wiese gerollt. Das quittierten die so ungewohnt Bewegten mit lautem Lachen und freudigem Quietschen.

Und da war er wieder, der Gedanke, der viele bewegte: Wie machen diese gehandicapten Kinder und Jugendlichen das eigentlich? Letztlich war das aber vollkommen gleichgültig, so lange die Kinder ihre Freude daran hatten und gleichzeitig erfuhren, was sie DOCH alles beherrschten.

Prothesentest

Ziel des Sommercamps war es, den Kindern eine Woche Abstand zu ihrem Alltag zu ermöglichen, selbstständig und nicht ausgegrenzt zu sein, sich auszutauschen, an ihre Grenzen zu kommen und dabei Spaß zu haben. Vielen Kindern fehlten aufgrund mangels Erfahrung aber Vergleichsmöglichkeiten, wie sie ihr Handicap spielerisch als Stärke erleben können. Denn statt selbst ihre Grenzen zu erfahren, werden ihnen diese in ihrem Alltag nicht selten von Erwachsenen vorgegeben.

Außerdem wurde deutlich, dass längst nicht alle Betroffenen die große Bandbreite von Prothesen auf dem Markt kennen. Für mehr Kenntnisse zu Prothesen hatte der BMAB gesorgt, in dem er führende Hersteller wie Otto Bock, Freedom Innovations, Wilhelm Julius Teufel/Ohio Willow Wood, Endolite, medi und APT zum Jugendcamp einlud. An zwei Tagen ermöglichten es diese Firmen mit ihren Technikern den Kindern und Jugendlichen, verschiedene Prothesenpassteile ganz nach ihren Wünschen zu testen.

Auf diese Weise lernten viele beinamputierte Kinder zum ersten Mal spezielle Laufprothesen kennen. Gerade hierzu eignet sich das weitläufige Camp-Gelände mit verschiedenem Terrain ideal. Gleichzeitig sahen es die Hersteller als ideale Fortbildung für ihre Mitarbeiter an, junge Leute im Umgang mit Prothesen zu erleben. So geballt wie in einem gemeinsamen Ferienlager bekommen Techniker gehandicapte Kinder und Jugendliche ansonsten nicht zu Gesicht.

Lagertag

Um sich weiter an ihre Grenzen herantasten zu können stand für die Kinder auch ein Lagertag auf dem Plan. Die Angebote Reiten, Bogen- und Blasrohrschießen, Turmklettern oder Kistenstapeln unterschieden sich da absolut nicht von denen vergleichbarer Camps für Kinder ohne offizielle Behinderung. Wieder der Beweis für das Betreuerteam, dass gehandicapte junge Menschen nahezu alles können oder einen Weg dazu finden – wenn man sie nur machen lässt und ermutigt.

Sporttag

Einen weiteren Camp-Tag gestalteten Sportler des Behinderten-Sportverband Niedersachen (BSN) sowie des Paralympics-Team Teak Wondo um Cesare Valentin. Die trainierten Sportler brachten die Kinder nochmals vollends an ihre Grenzen. Die Sportaktionen Judo, Para-Taekwondo, Tanzen, Badminton, Rollstuhlbasketball und -Rugby verlangten die letzten Reserven.

Fazit

Trotz der vielen aktionsreichen Angebote kam immer wieder entspannte Lageratmosphäre auf – zum Beispiel beim Grillen von Marshmallows über dem Lagerfeuer, beim Pizzabacken, Basteln oder gemeinsamen Spielen. Dabei wurde den Kindern und Jugendlichen nie langweilig. Sehr zur Überraschung der Betreuer ging ihnen aber anscheinend auch nie „die Puste aus“.

Erst nach der Heimreise erfuhr das Betreuerteam von den Eltern, dass ihre Kinder absolut geschafft waren. Insgesamt habe ihnen und ihren Schützlingen das Jugendcamp prima gefallen, äußerten sich viele. So verwundert es nicht, dass zufriedene Eltern ihre gehandicapten Kinder bereits für das BMAB-Sommercamp 2017 angemeldet haben.

BMAB dankt allen Engagierten

Zu verdanken hatten alle das Vergnügen in diesem Jahr sehr vielen engagierten Akteuren: Unermüdlich trugen die 20 ehrenamtlichen Betreuer und das Leitungsteam rund um Detlef Sonnenberg und BMAB-Präsident Dieter Jüptner zum Gelingen des Camps bei. Die Freiwillige Feuerwehr der Gemeinde Wedemark unterstützte das aufwändige Unterfangen mit Transportfahrzeugen und Fahrern. Ohne die Projektförderung der Techniker-Krankenkasse sowie die großzügige finanzielle Unterstützung durch Fördermittel der Sparkasse Hannover, der Prothesen-Hersteller, der Gemeinde Wedemark, der Kastanien-Apotheke und dem Teilsponsoring der Fahrzeugflotte durch die VW-Tochter Euromobil Autovermietung wäre das Jugendcamp 2016 nicht möglich gewesen. Dafür dankte BMAB-Präsident zum Abschluss noch einmal ausdrücklich allen Engagierten.

Text und Bilder: Daniel Jüptner

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