Eine Woche nicht behindert sein

Das Jugendcamp des BMAB für Kinder und Jugendliche mit Arm- oder Beinamputationen und Gliedmaßenfehlbildungen ist kaum offiziell beendet, nicht einmal alle Tische des abschließenden Grillfestes sind beiseite geräumt, da stehen die Organisatoren schon zusammen und halten Manöverkritik: „Das mit den Fotos am Abschlussabend, das müssen wir unbedingt noch professionalisieren!“, kommt es aus der einen Richtung. „Die An- und Abfahrt zu manchen Ausflügen war noch zu unübersichtlich!“, heißt es aus einer andern. Und währen nur wenige Meter entfernt Kinder ihren Eltern mit strahlenden Augen von den Erlebnissen der vergangenen Tage erzählen, T-Shirts zum Zeichen neu entstandener Freundschaften signieren oder auch die eine oder andere Träne vergossen wird, weil dies nun das unwiderrufliche Ende dieser tollen Erfahrung ist, werden hier bereits Optimierungswege für den nächsten Großeinsatz festgehalten. Vielleicht auch ein Zeichen der immensen Spannung, die nun langsam von den Verantwortlichen abfällt. Es ist vollbracht. Trotz aller Unwägbarkeiten, trotz der Wuseligkeit, die eine Horde von fast 100 Kindern, Jugendlichen und Betreuern mit sich bringt. So kommt man letztlich gemeinsam zu der Einschätzung, dass trotz einiger Details, an denen man für die Zukunft noch feilen könnte, diese vierte Auflage des Jugendcamps eine wirklich runde und erfolgreiche Sache war.

Und dann sind sie wieder da, die Erinnerungen an Momente, in denen begeisterte Kinder von den neuen Eindrücken, den neu erlernten Fähigkeiten und den überwundenen Ängsten erzählen. Die miterlebten Veränderungen bei Jugendlichen, die zunächst zurückhaltend im Camp ankommen, um nach nur wenigen Tagen aufzublühen. Es sind die Momente, in denen Kinder in der Gemeinschaft wachsen, Unsicherheiten ablegen, sich selbst schätzen und auf ihre Stärken vertrauen lernen. Sie machen diese ganz einzigartige und besondere Wirkung des BMAB-Camps aus. Andreas Rulischka, der das Camp als Orthopädietechniker und Betreuer begleitet, fasst die Kerngedanken des Jugendcamps in wenigen Worten zusammen: „Im Grunde stellen wir mit dem Camp und all seinen Aktivitäten und Möglichkeiten nur die Grundbedingungen, den Rahmen zur Verfügung. Den größten Einfluss auf die Kinder hat eigentlich die Gruppe selbst. Die anderen Kinder und die Jugendlichen, die heute hier als Betreuer tätig sind und die in der Vergangenheit selbst einmal als Teilnehmer hier waren, sind wichtig. Das „untereinander einer von vielen Sein“ und damit keine Rolle außerhalb, sondern mittendrin zu haben und das sich gegenseitig Annehmen und Unterstützen, sind die wahrhaft magischen Zutaten, die dieses Konzept so erfolgreich machen.“

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„Das Besondere am Camp ist und war schon immer, dass niemand durch seine Behinderung hervorsticht.“ – Thory (20)

Und genau diese „magischen Zutaten“ sind es, die einigen der Kinder förmlich Flügel verleihen. Immer wieder kommt es vor, dass am Anfang nämlich große Skepsis liegt. Das erste Mal so lange von Zuhause fort, der erste längere Aufenthalt ohne die Eltern, die Erfahrung, sonst in größeren Gruppen leicht ausgegrenzt zu werden, wenn das Handicap am gleichwertigen Mitmachen hindert. All dies sind Erfahrungen, die im Vorfeld dieser besonderen Woche oft eine wichtige Rolle in den Gedanken der teilnehmenden Kinder spielten. Und so ist dann oft auch der Trennungsschmerz groß und das Heimweh in den ersten Tagen noch viel größer. Geschichten dieser Art kann fast jeder der Organisatoren und Betreuer beitragen, während man inzwischen in entspannter Runde beisammensitzt und die gemeinsam erfolgreich verbrachten Tage Revue passieren lässt. „Ein Mädchen hat mir ungefähr nach der Hälfte der Zeit anvertraut, dass sie zwar noch riesiges Heimweh hätte, aber dass sie auch viel lieber hierbleiben möchte und daher stark sein und gegen das Heimweh ankämpfen will“, berichtet eine der Betreuerinnen, zu denen die Kids schnell ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis aufgebaut haben.

Dass die Verbindung zwischen Betreuern und Teilnehmern so gut funktioniert, liegt vor allem an der Begegnung auf Augenhöhe. Denn der überwiegende Teil des Betreuerstabs bringt ganz ähnliche Handicaps mit, wie sie die Kinder haben. Und dabei ist es dann letztlich egal, ob ein Bein amputiert wurde, eine vorgeburtliche Dysmelie vorliegt oder eine andere Erkrankung zur Einschränkung einzelner oder mehrerer Gliedmaßen geführt hat. Allein die Tatsache, dass sie aus eigenem Erleben genau wissen, was die Kids beschäftigt oder bewegt, baut Brücken und ermutigt zugleich. Denn in den Betreuern haben die Kinder auch erfolgreiche Rollenvorbilder, an denen sie wachsen können. Die älteren können den kleineren ganz praktische Tipps mit auf den Weg geben. Ganz egal, ob es dabei um Tricks und Kniffe für Alltagssituationen oder um besondere Erfahrungen rund um Prothesen und Hilfsmittel geht. Die Betreuer sind neben den vielen Experten, die oft ehrenamtlich ihr Wissen vermitteln und unterstützend mitarbeiten, die erste Informationsquelle, wenn es darum geht, selbst zum Experten in eigener Sache zu werden.

„Ich selbst war über 20 Jahre alt, als ich endlich mal jemanden kennengelernt habe, der so wie ich eine Prothese hat.“ – Christina (25)

Auf dieser Basis gründen dann die vielfältigen Erlebnisse, Ausflüge und Aktivitäten, die den 68 Kindern während der acht Tage Jugendcamp angeboten werden. Und nur so ist es möglich, die vielfältigen Ansprüche und die oft unterschiedlichen Fähigkeiten unter einen Hut zu bringen. Denn eine Gruppe, in der die eine talentiert klettern kann und der andere auf den Rollstuhl angewiesen ist, gleichberechtigt zu beschäftigen, ist eine echte Herausforderung. Es gilt, eine Balance zu finden, in der jeder durch seine ganz individuellen Fähigkeiten glänzen kann. Wenn so ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht, hilft und unterstützt man sich in der Folge auch gegenseitig oder feuert sich an. Dies vermittelt nicht nur Sicherheit, sondern auch das Gefühl gemeinsam noch mehr erreichen zu können.

Dabei könnten die Voraussetzungen für ein gelungenes Camp in diesem Jahr gar nicht besser sein: Schon am ersten Tag strahlt die Sonne über dem beeindruckenden Gelände des CVJM in der Wedemark, unfern der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Wer über die lange Einfahrt von der Landstraße zum Gästehaus vorfährt, hat schon nach wenigen Metern das Gefühl, nicht nur von einer Straße, sondern aus dem Alltag abgebogen zu sein. Zwischen unzähligen hohen Tannen meint man, bereits beim Betreten des Fußwegs hinunter ins eigentliche Camp, irgendwo mitten in einem riesigen Wald zu sein.  Die einzelnen Blockhütten, in denen die Kinder untergebracht sein werden, ducken sich flach unter die tiefhängenden Äste der großen Bäume. Kleine Äste, Tannennadeln und -zapfen bedecken den Boden und selten reicht der Blick weiter als nur ein paar Meter. Es riecht intensiv nach Harz, Wald und warmer Erde. Auch die übliche Geräuschkulisse der übrigen Welt wird nahezu komplett ausgeblendet.

„Es ist toll, dass einen die anderen Camp-Teilnehmer einfach besser verstehen als andere Leute, denn das Leben mit Handicap verbindet auch.“ – Meret (13)

Lediglich das Gästehaus, in dem die Mahlzeiten eingenommen werden, stellt eine Verbindung zur Zivilisation dar. Zum Glück aber ist es vom Camp aus fast kaum zu sehen. Einen anderen zivilisatorischen Luxus hingegen bietet der große Pool, der sich nur wenige Meter von der zentralen Hütte des Camps entfernt befindet. Eine Einrichtung, die besonders bei Temperaturen von 30 bis 36 Grad in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen ist. Ohne die Limitierung der „Poolzeit“ auf den Bereich nach 15:00 Uhr hätten einige Kids das Feuchtbiotop vermutlich während des gesamten Camps nicht verlassen. Doch so unbeliebt diese Regel auch war, sie wurde durch eine der wichtigsten Camp-Regeln in Ihrer Unbeliebtheit noch weit übertroffen, denn für eine ungestörte Camp-Atmosphäre hieß es:  „Abgabe der Smartphones!“ Das Camp also als Social-Media-freie-Zone.

Eine echte logistische Herausforderung bei dieser europaweit einzigartigen Veranstaltung mit entsprechendem Einzugsgebiet ist bereits die Anreise der Kids. Da nicht alle von Ihren Eltern gebracht werden können, gibt es einen Shuttle-Service, der die Kinder aus den unterschiedlichen Regionen Deutschlands abholt. Bedenkt man, dass die Teilnahme am Camp ohnehin für die Teilnehmer kostenlos ist, ein geradezu einmaliger Service, der nur durch monatelanges Klinkenputzen und Spendensammeln seitens der Organisatoren vom BMAB zu stemmen ist. Detlef Sonnenberg, Vizepräsident des BMAB stellt hierzu unmissverständlich klar, dass die gesamten Aufwendungen zu 100 % durch Fördergelder und Spenden finanziert werden: „Auch wenn das Camp natürlich eine wirklich sinnvolle Veranstaltung ist, wollen wir das Ganze nicht auf den Schultern unserer Mitglieder austragen. Da gäbe es dann auch sicher Diskussionen, ob so etwas wie der Shuttle-Service wirklich notwendig ist. Aber wir wollen nun einmal so vielen Kindern, wie es irgendwie geht, diese Erfahrung ermöglichen.“

„Weil ich letztes Jahr während des Sommercamps so viel Spaß hatte, bin ich dieses Jahr wieder dabei und extra aus Heidelberg angereist.“ – Tizian (12)

Die Teilnehmer jedenfalls sind am ersten Tag trotz der teilweise zehnstündigen Anreise bereits bester Dinge und nutzen die ersten kleinen Spiele dazu, sich kennen zu lernen und Kontakte aufzubauen. Dieser langsame Einstieg in das ansonsten recht vollgepackte Programm soll auch dazu dienen, den Jüngeren und denjenigen, die vielleicht zum ersten Mal allein in solch ein Camp fahren, das Loslassen zu erleichtern und Zeit zum Ankommen zu geben. Und so fällt der Abschied schwer und so manche dicke Krokodilsträne findet ihren Weg auf den schattigen Waldboden. Doch Eltern und Betreuer wissen: Der Trennungsschmerz ist meist nur von kurzer Dauer, sobald der „Schrecken“ des Neuen erst einmal verflogen ist und sich erste Kontakte aufbauen. Und auch für die immer mal wieder auftretenden Anflüge von spontanem Heimweh ist man dank der langjährigen Erfahrung bestens gerüstet. Nachdem die Gruppen eingeteilt und die Schlafplätze bezogen sind, kehrt ganz langsam Ruhe ein ins Camp unter den Tannen und auch die letzten in leisem Flüsterton geführten Bettgespräche verebben irgendwann.

Tag zwei steht ganz im Zeichen des gegenseitigen Kennenlernens. Teamarbeit gepaart mit einem Wechsel aus Action, Geschicklichkeit und Nachdenken sind die Eckpfeiler des Gesamtkonzepts, für das Erlebnispädagoge Florian Böhl verantwortlich zeichnet. Jedes Kind soll die Chance haben, seine Fähigkeiten einzubringen und sich als wertvolles Mitglied der Gruppe zu präsentieren. Und damit der Freizeitcharakter des Ganzen nicht zu kurz kommt, bietet ein ausgiebiger Pool-Test nicht nur Gelegenheit, sich abzukühlen, sondern auch dazu, sich gemeinsam noch besser kennenzulernen. Eine handfeste sportliche Herausforderung gibt es dann auch noch in Form der ersten gemeinsamen Taekwondo-Runde, in der überschüssige Energien und Spannungen abgebaut werden können. So ist schon am ersten kompletten Camp-Tag ein spürbares Gemeinschaftsgefühl entstanden, das sich in den folgenden Tagen vertiefen wird.

„Ich fand es toll, auf so viele Leute mit Amputationen zu treffen, mit denen ich mich austauschen konnte. Da ich inzwischen 18 geworden bin, bin ich nun als Junior-Betreuerin dabei.“ – Laura (18)

Der dritte Camp-Tag ist zweigeteilt. Um die einzelnen Gruppen nicht zu groß werden zu lassen und sich auch bei der sportlichen Action intensiv um jedes Kind kümmern zu können, bricht nur die eine Hälfte der Camp-Besatzung zum nahen Hufeisensee in Isernhagen auf. Hier werden die Kids bereits vom Team von „Amputee Outdoor Action“ erwartet. Denn heute steht der Trendsport „Stand-Up-Paddle-Boarding“ auf dem Programm. Hinter dem komplexen Begriff verbirgt sich ein leichtes, aber dafür überdimensioniertes Surfboard, das im Stehen mit einem langen Paddel gefahren wird. Eine echte Herausforderung an Bewegungskoordination und Gleichgewichtssinn. Für diejenigen, die nicht auf dem Board stehen können oder denen das Ganze dann doch zu wackelig ist, wird ein Sit-On-Top Kayak angeboten, das wesentlich mehr Stabilität, aber ein ähnliches Fahrgefühl bietet. Wer nicht mit einem der Boards unterwegs ist, kann sich natürlich auch beim Schwimmen abkühlen oder sich am Ufer im Schatten des extra aufgebauten Pavillons mit Getränken, Obst und Snacks versorgen. Am Nachmittag wechseln dann die Gruppen das Revier und für die Wassersportler des Vormittags geht es nun im Camp mit Gruppenarbeiten und Spielen weiter.

Sportlich anspruchsvoll geht es auch am Folgetag auf dem Mellendorfer Sportplatz weiter. Von gemeinschaftlichen Sportspielen wie Völkerball bis hin zum Reinschnuppern in den Leistungssport bei den Leichtathleten reicht das vielfältige Angebot, das zudem noch durch die Anwesenheit von Orthopädietechnikern, Sanitätshäusern und Fachfirmen unterstützt wird. So stehen anpassbare   Sportprothesen oder auch Sportrollstühle für Rollstuhlrugby zum Ausprobieren zur Verfügung. Gerade hier zahlt sich die breite Unterstützung durch die Partnerunternehmen besonders aus, denn ohne das Material, die Mitarbeiter und das Knowhow von Unternehmen wie Endolite, Össur oder Ottobock wäre ein solches Angebot gar nicht zu realisieren. Zudem unterstützen auch der Behinderten-Sportverband Niedersachsen und das Wien Taekwondo Centre das Jugendcamp mit ihren Teams und Materialien. Für die Kids bedeutet die breite Auswahl, sich einmal ganz unkompliziert und ohne die sonst oft langen Wege in ganz unterschiedlichen Disziplinen auszuprobieren zu können. Zeitgleich lernen sie von den angereisten Profis und Technikern, worauf es beispielsweise bei der Auswahl und Konstruktion einer Sportprothese ankommt und was diese zu leisten im Stande ist.

Nach so viel sportlicher Action zielt der Schwerpunkt des fünften Tages im Jugendcamp des BMAB wieder auf Entspannung. Bei immer noch herrlichem Hochsommerwetter heißt das Motto heute: erst Pool-Party, dann Disco. Denn natürlich kann es kein Sommercamp auf dieser Erde geben, in dem nicht an mindestens einem Abend so richtig durchgefeiert wird. Dass man sich zuvor bei spritzigen Pool-Spielen und fruchtigen Cocktails ausgelassen erfrischt und dass zum Abendesser Pizza für alle auf dem Programm steht, macht einen solchen Tag nur noch perfekter. Eben alles, was einen unbeschwerten Sommer-Ferien-Urlaubs-Tag ausmacht. Und dass auch in diesem Artikel nicht über Details gesprochen wird, versteht sich von selbst. Denn „What happens in the Disco-Hütte stays in the Disco-Hütte“!

„Als ich mit dem Tanzen angefangen habe, habe ich schnell gemerkt, dass es wohl kein großer Unterschied ist, ob man mit Prothese tanzt oder mit gesunden Beinen. Diese Erfahrung wollte ich gerne mit den anderen Camp-Teilnehmern teilen.“ – Ivana (16)

Auf dem offiziellen Programm ist Tag Nummer sechs mit „Wandertag“ überschrieben. Ein Thema, das nicht bei allen Camp-Teilnehmern für überschwängliche Begeisterung sorgen will. Um so größer sind Überraschung und Freude dann auch, als die Gruppenbusse nicht wie versprochen in einem langweiligen Waldstück, sondern unmittelbar vor den Toren des Heidepark Resort in Soltau halten. Noch größer allerdings werden die überraschten Augen der Kids, als sie von den Betreuern die spontan vom Parkbetreiber herausgegebenen „VIP-Tickets“ präsentiert bekommen. So geht es dann ganz ohne Schlange stehen und lange Wartezeiten direkt zu den vielen Attraktionen im Park. Vielfach zeigen sich auch die Parkmitarbeiter sehr flexibel und freundlich, so dass einige Attraktionen sogar mehrfach und direkt hintereinander genutzt werden können, während „das normale Volk“ warten muss.  Aber so sehr die meisten aus der Gruppe den VIP-Status auch genießen können, so kompliziert stellt sich manchmal die Balance zwischen unfallvermeidendem Regelwerk und pragmatischen Lösungen dar. Die Einschränkungen müssen vor allem die Rolli Kids erleben. Denn wer sitzt, kann beispielsweise Größenvorgaben oder andere Regularien oft nicht erfüllen. Und dann heißt es leider oft „draußen bleiben“, wenn der Mitarbeiter nicht gewillt ist, seine Vorgaben zu ignorieren. Hier müsste auf Seiten der Parkbetreiber mehr in Erfahrung mit Besuchern mit Handicap und eine bessere Planung investiert werden. Den einzelnen Parkmitarbeitern, die das Risiko einer Personengefährdung wegen der Umgehung von zu starren Vorschriften nicht auf die eigene Kappe nehmen wollen, ist sicher nur schwer ein Vorwurf zu machen. Man stelle sich nur einmal das Echo vor, falls tatsächlich etwas passiert wäre.

„Ich bin begeistert und beeindruckt mitzuerleben, mit welchem Elan die Teilnehmer diese Chance nutzen, in so viele unterschiedliche Aktivitäten hinein zu schnuppern.“ – Christina (25)

Der abschließende „Geländetag“ im Camp allerdings bietet fast so viele Attraktionen wie der Heidepark. Mit dem Unterschied, dass diesmal auch alle von allen genutzt werden kann. Rund um die zentrale Blockhütte, auf dem Basketball-Feld und auf dem Weg zum Pool sind zahlreiche Stationen aufgebaut, die ganz unterschiedliche Herausforderungen bieten. Pony-Reiten, Bungee Trampolin-Anlage, Slackline, Kletterturm, Taekwondo, Segway fahren, Glücksrad-Tombola, Basketball, Graffiti sprayen und Blasrohrschießen konkurrieren um das Interesse der Kids. Zudem sind auch wieder die Experten der Prothesenhersteller anwesend, um den Kindern ihre Produkte vorzustellen und mit Rat und  Tat zur Seite zu stehen. Hier erfreuen sich insbesondere die Vorführmodelle aus dem Bereich der Hand- und Armprothetik besonderer Beliebtheit, weil sie anschaulich von jedem ausprobiert werden können. Und da man sich in der entspannten Atmosphäre ausreichend Zeit für jeden nimmt, bleibt letztlich keine Frage der Kinder unbeantwortet. So nehmen die Camp-Teilnehmer dieses Wissen nun auch für die eigene Prothesenversorgung mit nach Hause. Dies ist besonders wichtig, da es für jeden Menschen, der mit einer Amputation oder einer Gliedmaßenfehlbildung lebt, extrem von Vorteil ist, sich mit dem Angebot und den Möglichkeiten in der Prothetik auszukennen, um nicht die eigenen Fähigkeiten durch eine schlechte oder unzweckmäßige Prothesenversorgung zu limitieren.

Nachdem am Nachmittag dann auch der Pool noch einmal für alle Wasserratten freigegeben ist und die Aussteller ihre Stände räumen, folgt mit dem Abschlussabend das große Finale dieser mit Attraktionen und Erlebnissen vollgepackten Woche. Die Kids hingegen geraten von einer Euphorie in die nächste, als zuerst die Handys wieder ausgegeben werden und dann die eingeladenen Eltern das Camp betreten dürfen.

Bevor nun in der inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit ein ebenfalls beinamputierter Feuerschlucker als Überraschungsgast noch einmal die versammelte Menge aus Eltern, Teilnehmern, Betreuern und Helfern mit seiner beeindruckenden Show in magische Welten entführt und eine Diashow mit Bildern der einzelnen Camp-Tage besonders die Eltern emotional berührt, gibt es noch einen letzten offiziellen Teil: Als Dank und Anerkennung für die geleistete Arbeit, ohne die das Camp so gar nicht möglich gewesen wäre, überreicht BMAB-Präsident Dieter Jüptner die BMAB-Ehrenpreise an die Unterstützer.

Geehrt wurden:

  • Andreas und Petra Rulitschka, Inhaber des Sanitätshauses Rulitschka als Betreuer und OT-Techniker des Jugendcamps
  • César Valentim, Headcoach beim Wien Taekwondo Centre aus Österreich
  • Die Freiwillige Feuerwehr Wedemark vertreten durch Gemeindebrandmeister Dr. Maik Plischke
  • Hendrik Schliep von der Freiwilligen Feuerwehr, zuständig für die Bereitstellung der Feuerwehrfahrzeuge
  • Maurizio Valgolio vom Behinderten-Sportverband Niedersachsen e.V.
  • Mirko Heuer, Bürgermeister der Stadt Langenhagen für die JuLeiCa-Teilnahme
  • Frank Labatz als Seminarleiter der Schulungen der ehrenamtlichen Jugendleiter
  • Oliver Bohm von der Freiwilligen Feuerwehr (die gute Seele des Camps)
  • Simon Brinkmann, Inhaber der Kastanien-Apotheke Mellendorf
  • Sparkasse Hannover vertreten durch Andreas Mikonauschke
  • Die Techniker Krankenkasse
  • Volkswagen Financial Services / Euromobil Autovermietung vertreten durch Daniel Henschel
  • Die Gemeinde Wedemark

Dass das Engagement der Unternehmen und Helfer für das Jugendcamp dabei eine Herzensangelegenheit ist, sieht man allen Geehrten deutlich an und so ist es dann auch ein sehr emotionaler Moment, als zum finalen Programmpunkt alle noch einmal zusammenkommen. Bunt gemischt stehen Eltern, Betreuer, Helfer, Unterstützer, Organisatoren, Ehrenamtliche und Gäste im Kreis nebeneinander, während die teilnehmenden Kids in der Mitte stehen und farbenfroh erleuchtete Ballons in den dunklen Nachthimmel steigen lassen.

Auch im Jugendcamp 2019, das der BMAB vom 28. Juli bis zum 04. August im Jugend-, Gäste und Seminarhaus Gailhof ausrichtet, geht es nicht in erster Linie darum, zu lernen, wie man eine Sportart ausübt, ein Kanu fährt oder auf einer Slack-Line zwischen Bäumen balanciert, sondern um mehr. Denn diese Fähigkeiten sind nett, herausfordernd, unterhaltsam und spaßig, aber sie sind sicherlich nicht lebensentscheidend. Was aber tiefer greift und dauerhaft nachhaltig wirkt, ist das Erleben, sich in eine stärkende Gemeinschaft einbringen zu können, Hilfe annehmen aber auch geben zu können, und kein „Du kannst das nicht!“ oder „Du schaffst das nicht!“ zu sein. Die Erfahrung, dass man nur anders ist, wenn die anderen anders sind und die Tatsache, dass dieses „Anders“ oft nur vom eigenen Standpunkt abhängig ist, eröffnet neue Möglichkeiten, sich selbst zu erleben und wahrzunehmen. Wenn man weiß, was man will, gibt es fast immer technische Hilfsmittel und Möglichkeiten, dies zu erreichen. Hier ist Information das A und O. Nur wer sich neugierig mit den eigenen Möglichkeiten auseinandersetzt, nach neuen Wegen sucht und Grenzen auch als Anreiz erlebt, neue Wege zu erkunden, dem steht alles offen.

Text: Steffen Schüngel, Fotos: Steffen Schüngel, BMAB, Privat

Laura Reichl (18): Ich war schon letztes Jahr als Teilnehmerin beim Sommer-Camp des Bundesverbands für Bein- und Armamputierte (BMAB) dabei und fand es toll, auf so viele Leute mit Amputationen zu treffen, mit denen ich mich austauschen konnte. Im Alltag treffe ich sonst nämlich eher selten andere Menschen mit Handicap. Deshalb wollte ich auch dieses Jahr gerne wieder am Camp teilnehmen. Da ich inzwischen 18 geworden bin und das Höchstalter zur Teilnahme überschritten habe, bin ich nun als Junior-Betreuerin dabei und helfe im Camp aus.

Bianca Stender (36): Ich habe durch Zufall im Internet vom Jugendcamp gelesen und bin mit meinem Mann und unserem elfjährigen Sohn Hinrich aus Bad Schwartau hierhergekommen, um einmal für nächstes Jahr vorzufühlen, ob Hinrich Lust hätte, am Camp teilzunehmen. Mir gefällt der Gedanke, dass die Kinder und Jugendlichen sich hier im geschützten Rahmen in sportlichen Dingen erproben können. Hinrich probiert gerade das Segway fahren aus.

Tizian Mahler (12): Weil ich letztes Jahr während des Sommercamps so viel Spaß hatte, bin ich dieses Jahr wieder dabei und extra aus Heidelberg angereist. Hier habe ich zum ersten Mal Blasrohr schießen ausprobiert, aber am besten gefallen hat mir der Besuch im Heidepark Soltau. Vor allem habe ich hier aber neue Freunde gefunden. Nächstes Jahr möchte ich gerne wieder dabei sein, ich hoffe, die anderen kommen dann auch.

Emily Wagner (17): Am besten hat mir am diesjährigen Camp gefallen, dass wir Amputierte als Gruppe zusammen im Heidepark Soltau waren. Das ist ein besseres Gefühl, als wenn man alleine unterwegs ist.

Christina Feilen (26): Ich bin Ergotherapeutin, arbeite im Bereich der Prothetik und arbeite im Camp an einem Stand der Firma Össur, wo wir den Teilnehmern des Camps verschiedene Passteile zum Ausprobieren anbieten. Ich finde es wahnsinnig toll, dass es dieses Camp gibt und die Kinder und Jugendlichen hier die Möglichkeit haben, in so viele unterschiedliche sportliche Aktivitäten hineinzuschnuppern. Und ich bin begeistert und beeindruckt mitzuerleben, mit welchem Elan die Teilnehmer diese Chance nutzen.

Thory Wieben (20): Ich war bisher bei allen Camps dabei, erst als Teilnehmerin, inzwischen als Betreuerin. Dieses Jahr also zum vierten Mal. In all den Jahren ist das Camp organisatorisch gereift, man hat von Jahr zu Jahr dazugelernt. Das Besondere am Camp ist und war schon immer, dass niemand durch seine Behinderung hervorsticht oder gar gemobbt wird. Absolutes Highlight war dieses Jahr der Besuch im Heidepark Soltau: Achterbahn fahren ohne anstehen zu müssen – wann hat man das schon einmal!

Meret Kockmann (13): Ich bin früher tatsächlich einmal aufgefordert worden, eine Achterbahn aufgrund meines Handicaps wieder zu verlassen. Deshalb war es für mich ein tolles Gefühl, während des Ausflugs in den Heide Park Soltau so oft Achterbahn fahren zu können, wie ich wollte. Toll ist es auch, dass einen die anderen Camp-Teilnehmer einfach besser verstehen als andere Leute, denn das Leben mit Handicap verbindet auch.

Christina Schneider (25): Ich arbeite im Marketing von Össur, bin beruflich hier, aber durch eine Fehlbildung am Bein auch selbst betroffen. Wie gerne hätte ich als Kind an einem solchen Sommercamp teilgenommen! Ich selbst war über 20 Jahre alt, als ich endlich mal jemanden kennengelernt habe, der so wie ich eine Prothese hat. Gerade aber auch in der Pubertät wäre es so wertvoll gewesen, sich mit jemandem austauschen zu können, der auch mit Handicap lebt. Hier merkt man, dass man mehr kann, als man selbst denkt. Alle erproben neue Dinge, probieren sich aus, da will man sich selbst keine Blöße geben und macht einfach mit!

Elias Janssen (12): Ich habe zum vierten Mal am Sommer-Camp teilgenommen. Nächstes Jahr möchte ich gerne wieder dabei sein. Dann kann ich vielleicht auch Leute wiedertreffen, die dieses Mal nicht dabei waren, die ich aber durch die anderen Camps kenne.

Jochen Wier (27): Als Betreuer habe ich es als erschreckend empfunden, während unseres Besuches im Heidepark Soltau zu erleben, wie viele Menschen mit der Situation überfordert waren, dass eine Gruppe von Prothesenträgern Achterbahn fahren möchte. Leider haben bei vielen Besuchern Hilfsbereitschaft und Eigeninitiative uns gegenüber gefehlt. Man müsste noch viel öfter solche Unternehmungen durchführen, um die Menschen daran zu gewöhnen.

Ivana Jakobi (16): Das erste Mal habe ich mich aus Neugierde zum Jugend-Camp angemeldet, weil ich wissen wollte, wie es ist, auf so viele Menschen mit Behinderung zu treffen. Inzwischen bin ich zum vierten Mal dabei, habe also alle Camps mitgemacht. Am besten gefällt mir, dass wir unsere Behinderung hier so frei ausleben können. Im Alltag trage ich zum Beispiel ungern Röcke und kurze Hosen, weil man dann meine Prothese sieht und die Leute leider oftmals nicht fragen, weshalb ich eine Prothese trage, sondern mich stattdessen anstarren oder miteinander tuscheln. Hier im Camp ist das kein Problem, hier tragen alle kurze Sachen und sind an Prothesen gewöhnt. Während des diesjährigen Sommercamps habe ich zusammen mit einer Freundin, Marie-Christine, einen Tanzworkshop angeboten. Als ich mit dem Tanzen angefangen habe, habe ich schnell gemerkt, dass es wohl kein großer Unterschied ist, ob man mit Prothese tanzt oder mit gesunden Beinen. Diese Erfahrung wollte ich gerne mit den anderen Camp-Teilnehmern teilen.

Marie-Christine Keuder (16): Als Nichtbetroffene habe ich im Vorfeld überlegt, wie ich mich den Amputierten gegenüber wohl verhalten sollte. Als ich alle dann kennengelernt habe, habe ich schnell begriffen, dass der totale Quatsch war. Mit Ivana zusammen habe ich während des Sommer-Camps einen Tanzworkshop angeboten und schnell gemerkt, dass eigentlich fast alle so tanzen können wie ich. Und wenn eine Bewegung mal nicht so gut geklappt hat, dann haben wir sie eben durch eine andere ersetzt. So einfach war das.

Förderer und Sponsoren des Jugendcamps

Als erster Beinamputierter hat Matthias Wagner (Amputee Out-door Action) einen 24-Stunden-Weltrekord auf einem Stand-Up-Paddle bewältigt. Im Verlauf der 24 Stunden hat Matthias Wagner Spendengelder für das Jugendcamp gesammelt.

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